Wenn der nächste Schritt nicht nach oben führt

Yvonne Arenhoevel

Veröffentlicht am: 7. August 20266,2 Minuten Lesezeit

Zwischen beruflicher Entscheidung und Selbstbild

Vor Kurzem habe ich unabhängig voneinander mit zwei Menschen über eine berufliche Entscheidung gesprochen. Beide hatten eine neue Stelle in Aussicht, beide fanden die Aufgabe grundsätzlich interessant – und beide beschrieben fast dieselbe Irritation:

„Eigentlich reizt mich das. Aber es fühlt sich an, als wäre es unter meinem Niveau.“

Bei der einen Person hätte die neue Stelle weniger Führungsverantwortung bedeutet. Die Projekte wären kleiner gewesen, die Abstimmungswege kürzer und der Arbeitsalltag vermutlich überschaubarer. Ein Teil von ihr fand genau das angenehm. Ein anderer Teil wehrte sich sofort dagegen.

„Ich habe Angst, dass es aussieht, als hätte ich einen Schritt zurück gemacht.“

Im zweiten Gespräch ging es weniger um Hierarchie als um den bisherigen Lebenslauf. Auch hier war Interesse da, vielleicht sogar ein wenig Vorfreude. Gleichzeitig tauchte schnell der Gedanke auf:

„Nach allem, was ich bisher gemacht habe, kann ich doch jetzt nicht so etwas anfangen.“

Mich hat beschäftigt, wie wenig beide zunächst über die Tätigkeit selbst gesprochen haben. Es ging kaum darum, ob die Aufgabe zu ihnen passen könnte, wie sie sich in diesem Alltag erleben würden oder was sie dabei vielleicht gewinnen könnten.

Es ging um die Bedeutung dieses Schrittes. Genauer gesagt: um die Bedeutung, die sie ihm selbst gaben.

Wenn Arbeit Teil der eigenen Identität wird

Berufliche Entscheidungen sind selten rein sachlich. Gerade nach vielen Jahren hängen an einer Rolle häufig Anerkennung, Zugehörigkeit und ein bestimmtes Selbstverständnis.

Dann lautet die Frage nicht mehr nur: „Möchte ich diese Aufgabe übernehmen?“

Gleichzeitig schwingen andere Fragen mit:

Wer bin ich, wenn ich keine Führungskraft mehr bin?
Passe ich noch zu dem Bild, das andere von mir haben?
Und passe ich noch zu meinem eigenen?

Vielleicht lehnen Menschen deshalb gelegentlich Tätigkeiten ab, die sie durchaus interessieren würden. Die Arbeit selbst wäre gar nicht das Problem. Sie verträgt sich nur schlecht mit der bisherigen Geschichte über die eigene berufliche Entwicklung.

Diese Geschichte kann etwa lauten:

Ich habe studiert, um weiterzukommen. Ich habe Verantwortung übernommen, um mich zu entwickeln. Der nächste Schritt sollte größer sein als der vorherige.

Eine solche Vorstellung kann Orientierung geben, Ehrgeiz fördern und Menschen lange tragen. Eng wird sie erst, wenn sie irgendwann weniger Spielraum lässt als das eigene Leben.

Auch innere Sätze wie „Nutze deine Möglichkeiten“ oder „Gib dich nicht mit zu wenig zufrieden“ haben häufig eine hilfreiche Seite. Vielleicht haben sie uns durch Ausbildungen, schwierige Phasen und anspruchsvolle Aufgaben begleitet.

Nur gilt das, was lange nützlich war, nicht automatisch für jede weitere Lebensphase.

Was darf Arbeit noch sein?

Ich kenne diese Fragen auch bei mir selbst.

Schon lange begleitet mich ein kleiner Wunsch: Ich würde gern einmal in einem Tante-Emma-Laden arbeiten. Vielleicht nur für eine begrenzte Zeit.

Mich interessieren die kleinen Begegnungen und Routinen. Zu wissen, wer immer dieselbe Marmelade kauft, wer gern noch ein paar Minuten bleibt und wer nur schnell etwas braucht, dabei aber trotzdem eine Geschichte erzählt.

Ob ich das tatsächlich einmal mache, weiß ich nicht. Vermutlich finde ich sofort viele vernünftige Gründe dagegen: keine Zeit, finanziell wenig sinnvoll und für meine berufliche Entwicklung nicht besonders relevant.

Das Interessante daran ist, dass mir niemand diesen Gedanken verbietet. Ich tue es selbst.

Im Coaching tauchen ähnliche Wünsche immer wieder auf. Eine Führungskraft würde gern einen Tag pro Woche in einer Buchhandlung arbeiten. Jemand anderes möchte wieder etwas mit den Händen tun. Eine Klientin kann sich vorstellen, Kinder beim Lesenlernen zu begleiten.

Es wäre allerdings zu einfach, daraus sofort eine Empfehlung zum Berufswechsel abzuleiten. Ein Wunsch muss nicht eins zu eins umgesetzt werden, damit er bedeutsam ist.

Mich interessiert an dieser Stelle eher: Was zieht einen Menschen an einer Tätigkeit an?

Vielleicht geht es um mehr Ruhe, Begegnung oder Überschaubarkeit. Vielleicht fehlen Kreativität, Handwerk oder das Gefühl, am Ende des Tages unmittelbar zu sehen, was man getan hat.

Dann verweist der vermeintlich einfachere Beruf auf etwas, das im bisherigen Arbeitsleben kaum noch vorkommt.

Aus der Frage „Soll ich kündigen?“ wird damit eine andere:

„Was fehlt mir eigentlich gerade?“

Diese Frage öffnet häufig mehr Möglichkeiten. Vielleicht braucht es keinen vollständigen Wechsel. Vielleicht lässt sich ein Teil der Sehnsucht durch eine andere Rolle, weniger Verantwortung, ein Ehrenamt oder eine Nebentätigkeit in das eigene Leben holen.

 

Entwicklung muss nicht immer nach oben führen

Berufliche Entwicklung wird nicht selten ziemlich eindimensional beschrieben. Mehr Verantwortung, mehr Gehalt und ein größerer Einflussbereich gelten als Fortschritt.

Das kann passen. Es muss aber nicht in jeder Lebensphase passen.

Vielleicht sucht jemand mit Anfang dreißig vor allem Herausforderung und Aufstieg. Später können andere Kriterien wichtiger werden: Gestaltungsfreiheit, Gesundheit, verlässliche Beziehungen oder mehr Zeit für andere Lebensbereiche.

Trotzdem würde ich auch den Schritt zu weniger Verantwortung nicht vorschnell romantisieren. Manchmal steckt Klarheit dahinter, manchmal Erschöpfung oder Enttäuschung. Manchmal ist der Wunsch nach Veränderung auch der Versuch, einer schwierigen Situation möglichst schnell zu entkommen.

Deshalb ist weder der Aufstieg automatisch mutig noch der Rückschritt automatisch weise.

Interessanter ist die Frage: Wozu passt diese Entscheidung gerade – zu welchem Leben, zu welchen Beziehungen und zu welcher gegenwärtigen Verfassung?

Ein Coachinggespräch könnte dann so klingen:

„Ich glaube, diese Stelle wäre unter meinem Niveau.“

„Woran würdest du das festmachen?“

„Die Aufgaben sind weniger komplex. Ich hätte keine Führungsverantwortung mehr.“

„Und was wäre daran schwierig?“

„Es würde aussehen, als hätte ich mich zurückentwickelt.“

„Für wen würde es so aussehen?“

An dieser Stelle wird es oft still. Nicht, weil sofort eine Antwort da ist, sondern weil eine bisher selbstverständliche Bewertung sichtbar wird. Vielleicht lautet die Antwort: „Für meine früheren Kolleginnen.“ Oder: „Für meine Familie.“ Manchmal auch schlicht: „Vor allem für mich selbst.“

Dann könnte eine weitere Frage lauten:

„Wenn du diesen Schritt nicht Rückschritt nennen müsstest – wie würdest du ihn beschreiben?“

Vielleicht als Entlastung. Als Erprobung. Als Übergang. Oder ganz unspektakulär als eine Arbeit, die im Moment besser passt.

Was wäre ohne die Bewertung?

Berufliche Entscheidungen haben reale Folgen. Geld, Verantwortung und gesellschaftliche Anerkennung spielen eine Rolle. Es wäre naiv, das auszublenden.

Trotzdem kann es hilfreich sein, die Bewertung probeweise für einen Moment auszusetzen:

Was würde ich gern tun, wenn niemand meinen Lebenslauf ansähe?
Welche Tätigkeit würde ich ausprobieren, ohne sie sofort rechtfertigen zu müssen?
Und welche Seite von mir könnte dort Raum bekommen, die in meinem derzeitigen Berufsleben kaum vorkommt?

Vielleicht entsteht daraus keine Kündigung und keine große Neuorientierung. Vielleicht bleibt zunächst nur ein Gedanke. Aber auch ein Gedanke kann etwas verändern, wenn wir aufhören, ihn reflexartig kleinzureden.

Vielleicht beginnt Entwicklung manchmal genau dort: bei der Erlaubnis, die eigenen Maßstäbe noch einmal zu überprüfen.

Text: Erfahrung aus der Coachingspraxis via Audio verfasst und in Co-Creation mit dem isb-GPT sowie Yvonne´s Content Managerin GPT-Momo verschriftlicht
Image: Chat GPT

Autorin: Yvonne Arenhoevel, Systemische Prozessbegleitung und Coaching

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